Schatten über dem Eis: ARD-Doku enthüllt „perverse“ Stasi-Methoden gegen Kind-Star Katarina Witt

Sie war das strahlende Aushängeschild einer ganzen Nation, das „schönste Gesicht des Sozialismus“ und eine der erfolgreichsten Eiskunstläuferinnen aller Zeiten. Doch hinter dem glitzernden Lächeln und den perfekten Pirouetten von Katarina Witt verbarg sich eine düstere Realität, die erst jetzt in ihrer vollen, beklemmenden Tragweite ans Licht kommt. Die neue, mehrteilige ARD-Dokumentation „Being Katarina Witt“ (ab 27. November in der ARD Mediathek) wirft einen schonungslosen Blick hinter die Kulissen des DDR-Leistungssports und offenbart, wie der Staat sein wohl berühmtestes Idol nicht nur förderte, sondern von klein auf systematisch überwachte und manipulierte.

Beschattet im Grundschulalter: „Das finde ich pervers“

Es ist eine der wohl verstörendsten Erkenntnisse der Dokumentation: Die lückenlose Überwachung der späteren Olympiasiegerin begann nicht erst auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, sondern bereits, als sie ein unschuldiges Mädchen war. „Mit sieben Jahren jemanden zu beschatten, finde ich pervers“, zeigt sich der ehemalige Eiskunstläufer und Wegbegleiter Jan Hoffmann in der Dokumentation sichtlich erschüttert.

Die Stasi, das berüchtigte Ministerium für Staatssicherheit, legte unter dem zynischen Decknamen „Operativer Vorgang Flop“ eine Akte über das Kind an. Was wie ein schlechter Scherz klingt, war bittere Realität. Der Kommentator und Eiskunstlauf-Experte Daniel Weiss bringt den Kontrollwahn des Regimes auf den Punkt: „Man wollte absolut sichergehen, dass da alles mit rechten Dingen zugeht. Deswegen hat man sie bis unter die Bettkante verfolgt.“ Nichts sollte dem Zufall überlassen werden, wenn es um das wertvollste „diplomatische“ Gut der DDR ging.

Diplomatin im Trainingsanzug

Katarina Witt war weit mehr als nur eine Sportlerin; sie war eine politische Botschafterin. Sporthistorikerin Jutta Braun beschreibt in der Doku die Rolle der DDR-Athleten als „Diplomaten im Trainingsanzug“, die als Aushängeschilder des Sozialismus fungierten und fest in das Staatswesen integriert waren. Witt selbst macht aus ihrer damaligen Haltung keinen Hehl: „Ich war eine stolze DDR-Bürgerin“, betont sie rückblickend. Sie sei bereit gewesen, ihr Land zu repräsentieren und auch zu verteidigen.

Doch diese Loyalität schützte sie nicht vor den Übergriffen des Staates – im Gegenteil. Sie machte sie zu einem Objekt, das es zu besitzen und zu steuern galt. Witt betont zwar, sie habe „nie etwas vorgelesen, was man mir nur hingelegt hat“, doch die Einflussnahme auf ihr Privatleben war massiv und schmerzhaft.

Zerstörtes Liebesglück und Zwangskasernierung

Wie tief der Staat in die Privatsphäre der jungen Frau eingriff, wird besonders deutlich, als es um Witts erste große Liebe ging. Nach ihrem ersten Olympiasieg war sie mit einem Musiker liiert – eine Verbindung, die der Politführung offenbar ein Dorn im Auge war. Die Konsequenz war brutal und effektiv: Um die Beziehung zu beenden, wurde der junge Mann kurzerhand eingezogen und in eine Kaserne im „hinterletzten Winkel“ versetzt.

Der Staat duldete keine Ablenkung für seinen Star. Persönliches Glück wurde dem nationalen Erfolg untergeordnet. „Leistungssport ist halt kein Spaziergang durch den Wald“, resümiert Witt heute trocken, doch hinter diesen Worten verbirgt sich das Trauma einer Jugend, die in vielen Bereichen fremdbestimmt war.

Reis, Zitrone und der Hass auf die Trainerin

Neben der psychischen Überwachung war auch der physische Drill gnadenlos. Zentraler Dreh- und Angelpunkt war hierbei ihre legendäre Trainerin Jutta Müller. Das Verhältnis zwischen den beiden Frauen war komplex – eine Mischung aus Abhängigkeit, Dankbarkeit und zeitweiligem Hass. Als die junge Katarina in ihrer Teenagerzeit das für den Eiskunstlauf kritische Gewicht leicht überschritt, griff Müller zu drastischen Maßnahmen.

„Da habe ich nur Reis bekommen im Eisstadion, mit Süßstoff und Zitrone“, erinnert sich Witt an die qualvollen Hungertage. Erst als ihr Vater von der Mangelernährung „Wind bekam“ und energisch durchgriff, durfte das Mädchen nach einigen Tagen wieder normale Mahlzeiten zu sich nehmen. Die Strenge der Trainerin trieb Witt oft an ihre Grenzen. Sie gibt offen zu, dass sie sich teilweise gewünscht habe, „Müller gegen die Wand zu klatschen“.

Doch im gleichen Atemzug, mit der Reife und dem Abstand von Jahrzehnten, räumt die Eiskunstlauf-Ikone ein: „Ich wusste, ich brauche diese strikte Hand, um voranzukommen.“ Sie habe eine „unbarmherzige, harte Schule“ durchlaufen, die sie zu dem Weltstar machte, der sie heute ist.

Ein Leben zwischen Akten und Applaus

Heute, viele Jahre nach dem Fall der Mauer und dem Ende ihrer aktiven Karriere, blickt Katarina Witt mit einer fast stoischen Gelassenheit auf ihre Vergangenheit zurück. Dass ihre Familie in den Akten als „unbedenklich“ eingestuft wurde, nimmt sie zur Kenntnis. Doch die Tatsache, dass über jeden ihrer Schritte Buch geführt wurde, begegnet sie mittlerweile mit einer Schutzschicht aus Ironie: „Dass über mich diese Akten existieren, ist so weit weg, dass ich es nur noch mit Sarkasmus hinnehme.“

In einem Gespräch mit der Zeitschrift „Bunte“ bilanzierte sie kürzlich: „Ich hatte sehr viel Glück in meinem Leben.“ Es ist dieser Satz, der vielleicht am meisten beeindruckt. Trotz der Überwachung, trotz des Drills und der staatlichen Eingriffe überwiegt bei Katarina Witt nicht die Verbitterung, sondern der Stolz auf das Erreichte.

Die ARD-Dokumentation „Being Katarina Witt“ verspricht, das Bild der Eisprinzessin um viele graue Schattierungen zu erweitern. Sie zeigt eine Frau, die im goldenen Käfig tanzte – bewundert von der Welt, aber bewacht vom eigenen Staat. Es ist eine Geschichte über den Preis des Erfolgs und die unvorstellbaren Methoden eines Regimes, das selbst vor Kindern nicht Halt machte.

Related Posts

Our Privacy policy

https://newsjob24.com - © 2025 News