Es sind Momente, in denen man als Zuschauer am liebsten im Boden versinken möchte – die sogenannte „Fremdscham“. Doch wenn eine Ikone wie Thomas Gottschalk (75) vor einem Weltstar wie Cher und einem Millionenpublikum ins Straucheln gerät, ist es mehr als nur ein peinlicher Augenblick. Es ist ein Stück Fernsehgeschichte, das Fragen aufwirft.
Am vergangenen Sonntag nahm eine Frau auf dem berühmten Roten Sofa der NDR-Sendung „DAS!“ Platz, die das deutsche Showbusiness kennt wie kaum eine andere: Uschi Glas. Mit ihren 81 Jahren strahlte sie eine Würde und Klarheit aus, die in krassem Kontrast zu den chaotischen Szenen stand, die sich wenige Tage zuvor in München ereignet hatten. Natürlich kam das Gespräch auf den „Elefanten im Raum“: Thomas Gottschalks viel diskutierten Aussetzer bei der Bambi-Verleihung 2025.
Der Moment, der alles veränderte
Was war geschehen? Thomas Gottschalk, der ewige Show-Gigant, sollte die legendäre Cher ehren. Doch statt einer souveränen Laudatio erlebte das Publikum einen Moderator, der fahrig wirkte, den Faden verlor und schließlich einen Satz sagte, der durch Mark und Bein ging: „Hier ist sie, die einzige Frau, die ich in meinem Leben ernst genommen habe.“ Ein Satz, der nicht nur seine anwesende Ehefrau Karina düpiert haben dürfte, sondern auch das Publikum im Saal zu hörbaren Buhrufen veranlasste.
Gottschalk selbst erklärte den Vorfall später mit einem „Blackout“. Er sei durch ein Cher-Double auf einer Discokugel so verwirrt gewesen, dass er glaubte, Opfer der versteckten Kamera zu sein. Eine Erklärung, die viele ihm abnahmen, andere als Ausrede werteten.

Uschi Glas: „Es tat mir wirklich leid“
Wer nun erwartete, dass Uschi Glas in den Chor der Kritiker einstimmen würde, sah sich getäuscht. Die Grande Dame des deutschen Films reagierte nicht mit Spott, sondern mit tiefer Empathie. „Ich war zunächst selbst etwas irritiert und nervös“, gestand sie im Gespräch mit Moderator Ilka Petersen. Doch rückblickend empfinde sie vor allem eines: Mitleid.
„Es tat mir wirklich leid“, sagte Glas mit leiser, fester Stimme. Für sie war die Situation auf der Bühne wie ein Unfall, der in Zeitlupe abläuft: „Die Situation war aus meiner Sicht nicht zu bremsen.“ Das Wort, das sie wählte, um den Abend zu beschreiben, hallt nach: „Traurig.“ Es ist das Urteil einer Kollegin, die weiß, wie unbarmherzig das Scheinwerferlicht sein kann.
Obwohl Glas und Gottschalk nie enge Freunde waren („Wir kennen uns seit vielen Jahren, haben sogar einen Film zusammen gedreht“), brach sie eine Lanze für ihn. Sie erinnerte daran, dass „Wetten, dass..?“ sein „Baby“ war, eine Show, die er sensationell gemacht habe. Es war ein Plädoyer dafür, das Lebenswerk eines Mannes nicht auf fünf missglückte Minuten zu reduzieren.
Wenn der Faden reißt: Der Albtraum eines jeden Künstlers
Besonders berührend wurde das Interview, als Glas den Begriff „Blackout“ nicht als bloße Ausrede abtat, sondern mit Leben füllte. Sie teilte eine sehr persönliche Anekdote aus ihrer Theaterzeit, die den Zuschauern einen seltenen Einblick in die Ängste eines Stars gab.
Sie erzählte von einer Aufführung, in der ein Kollege plötzlich seinen Text vergaß. Hilfsbereit, wie sie ist, half sie ihm zurück in die Szene. Doch der Stress dieser Rettungsaktion forderte seinen Tribut: Kaum hatte sich der Kollege gefangen, war es Glas selbst, die den Faden verlor. „Meine ganze Konzentration lag darauf, das Stück am Laufen zu halten“, erklärte sie. Plötzlich war da nur noch Leere. Sie musste aktiv die Souffleuse auf sich aufmerksam machen – ein Moment, den sie als absoluten „Albtraum“ beschrieb.
Diese Offenheit machte deutlich: Fehler sind menschlich, egal wie groß der Name auf dem Plakat ist. Gottschalks Patzer wird dadurch nicht ungeschehen gemacht, aber er wird verständlicher. Es zeigt die Zerbrechlichkeit, die auch hinter den größten Show-Fassaden lauert.
Ein Kontrast der Wahrheiten: Von der Showbühne zur Geschichte
Doch Uschi Glas war nicht nur gekommen, um über TV-Pannen zu plaudern. Der eigentliche Anlass ihres Besuchs war weit gewichtiger und bildete einen scharfen Kontrast zur oberflächlichen Aufregung um den Bambi. Sie stellte ihr neues Buch „Du bist unwiderstehlich, Wahrheit“ vor, das sie gemeinsam mit der Holocaust-Überlebenden Charlotte Knobloch geschrieben hat.
Während Deutschland über Gottschalks missglückten Witz diskutierte, sprach Glas über eine Wahrheit, die wirklich wehtut: Die Entdeckung, dass ihr eigener Vater Mitglied der Waffen-SS war. „Der Schock sitzt tief“, hatte sie bereits im Vorfeld bekannt. Im NDR-Interview schilderte sie eindringlich, wie belastend, aber auch wie absolut notwendig diese Spurensuche für sie war.
Es ist diese Parallelität der Ereignisse, die den Auftritt von Uschi Glas so bemerkenswert machte. Auf der einen Seite die flüchtige, oft gnadenlose Welt der Unterhaltung, in der ein falscher Satz einen Sturm der Entrüstung auslöst. Auf der anderen Seite die bleierne Schwere der deutschen Geschichte, der sich eine 81-Jährige mutig stellt, um Brücken zu bauen.

Ein Appell für das Miteinander
Zum Schluss des Gesprächs wurde deutlich, was Uschi Glas antreibt. Es ist nicht die Suche nach Schlagzeilen, sondern der Wunsch nach Verständigung. Ihr Buch soll ermutigen – zu ehrlichen Gesprächen zwischen den Generationen, zum Hinsehen, wo andere wegsehen.
Gottschalks „Blackout“ mag die Gemüter erhitzt haben, aber Uschi Glas hat uns daran erinnert, worum es wirklich geht: Um Menschlichkeit. Darum, einem strauchelnden Kollegen die Hand zu reichen, statt auf ihn einzutreten. Und darum, den Mut zu haben, sich der eigenen Wahrheit zu stellen – egal wie schmerzhaft sie sein mag.
In einer Zeit, in der Fehler in den sozialen Medien oft gnadenlos zerpflückt werden, war Uschi Glas’ Auftritt ein wohltuender Gegenpol. Eine Frau, die Haltung zeigt, ohne zu verurteilen. Und die beweist, dass wahre Größe nicht darin besteht, perfekt zu sein, sondern darin, wie man mit den Unvollkommenheiten des Lebens – und der Geschichte – umgeht.